Kapitel : Alles schiefgelaufen

Auch beim zehnten Mal hat der Wecker mich nicht geweckt. Normalerweise besteht das morgendliche Ri- tual aus drei- bis viermaligem Weckerklingeln vor dem endgültigen Aufstehen. Ich hatte so ein Gefühl, dass heute alles schiefgehen würde. Ich war ziemlich gut vorbereitet, ausser dass der Koch gestern Abend noch abgesagt hatte. Bei diesem Auftrag stellte ich mir die Frage, wieso ich ihn angenommen hatte: Fünfzig Gäste an einem Geburtstag in einer Blumenhalle ohne Kü- che. Nach ein paar Stunden Vorbereitung hatte ich die mobile Küche aufgestellt. Doch die mobile Küche zu organisieren, brauchte viel Zeit und Nerven. »Wo sind die Kerzen für die Tische? Die Champagnergläser sind nicht alle sauber!«, hörte ich die laute Stimme von Frau Lauterbacher aus der Halle. Ich rannte zu ihr und über- zeugte sie, dass alles noch erledigt würde. Ich spürte, dass ich eine Katastrophe vor mir hatte. Meine Leute waren noch nicht da, ausser meinem Bruder. Der rannte wie ein Irrer im Raum herum, dann stellte er die Gläser hin, nahm die dreckigen Gläser, polierte sie mit einem Ge- schirrtuch und schlitterte dann über den Boden wie bei einem griechischen Fest. Dann klingelte mein Handy, es war Maria: »Michele, es ist etwas Schreckliches passiert. Mein Sohn hat sich den Arm gebrochen, ich bin mit ihm auf der Notfallstation und kann nicht kommen!«

Die Gäste kamen tropfenweise. »Wo ist der Barmann? Wo ist der Prosecco? Oh mein Gott, da ist ja nichts gemacht!« Mein hysterischer Bruder lag am Boden und

22

besoff sich mit Prosecco. Rauch kam aus der mobi- len Küche. »Oh Gott, das auch noch, der Braten ...« Schweissgebadet rannte ich durch den Raum, schubste die Gäste. »Kann ich ein Glas Prosecco haben!«, befahl mir ein Gast. Kinder schrien und verlangten nach Oran- gensaft. Ich rannte in einen Korridor, der unendlich lang schien, rannte weiter, es wurde immer dunkler. Plötzlich war es ganz dunkel, doch ich rannte weiter wie bei ei- nem Marathonlauf. Ich rannte um mein Leben. Plötz- lich entdeckte ich ein weisses Loch, das immer grösser wurde. Ich kam immer näher, schwarze Gestalten kamen auf mich zu. Ich blieb stehen und erkannte die Gestal- ten immer besser, es waren Frau Lauterbacher und ihre Gäste. Sie rannten auf mich zu wie bei der Schlacht von Napoleon Bonaparte bei Marengo. Ich drehte mich um und flüchtete auf die andere Seite. Oh nein, da war mein besoffener Bruder mit der Flasche in der Hand und lallte: »Wann fängt die Party an?« Ich konnte nicht mehr. Ich wehrte mich mit allen Mitteln und schrie ganz laut.

Eine Hand berührte mich, streichelte mich sanft und eine Stimme sagte ganz ruhig: »Michele, es ist nur ein böser Traum, ganz ruhig Schätzeli.« Obwohl ich nicht zum ersten Mal geschrien hatte, erwachte ich erst jetzt.

Dieser Albtraum war sehr realistisch, ich konnte mich an alles erinnern. Manchmal sind Träume so verwirrend, dass man sich am nächsten Morgen nicht mehr daran er- innern kann. Aber an eines erinnere ich mich noch ganz besonders: die Schreie, das Einschalten der Lampe, das Herausstürmen aus dem Bett. Ich hatte das Gefühl, es gehe um Leben und Tod, dass ich nicht mehr aufwachen würde, wie gefangen vom Tod. Regula sagte: »Hast du

 Seite 23

wieder schlecht geträumt? Nimm ein Glas Wasser und dann schlafen wir weiter. Es ist erst vier Uhr morgens, du hast heute einen anstrengenden Tag.«

Ich hatte ein Geburtstagsfest mit dreissig Personen zu betreuen und die Auftraggeberin hiess nicht Frau Lau- terbacher und es war auch nicht in einem Treibhaus, son- dern in einem Privathaus mit grossem Garten. Das Fest war wieder ein Erfolg. Die Gäste waren sehr zufrieden. Nachdem ich das Dessertbuffet aufgestellt hatte, kam der Gastgeber und sagte: »Signor Michelangelo, kommen Sie bitte heraus mit Ihrer Crew.« Er bedankte sich nochmals vor allen Gästen für das feine Essen und den Service, dann standen alle Gäste auf wie in der Oper (Standing Ovations) und klatschten. Einige sagten ganz laut: »Es war super, Michelangelo, das Essen war ausgezeichnet.« Zum guten Glück war es diesmal Realität.

Pannen gibt’s immer wieder mal – aber glücklicher- weise nur hinter den Kulissen.
 Seite 24

Mein Buch können bei mir bestellen oder online in div. Buchhandel erhätlich.